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Wallfahrt der Superlative

Die Aachener Heiligtumsfahrt

von Jürgen Kaiser

 

Aachen ist zu jeder Zeit eine Reise wert. Doch vom 9. bis zum 19. Juni 2023 wandelt sich das Münster wieder kurzzeitig vom Touristenmagneten hin zu einem ganz besonderen Pilgerziel: der Aachener Heiligtumsfahrt. Die heutigen Besucherzahlen stehen allerdings in keinem Verhältnis zu den Menschenmassen, die im Mittelalter alle sieben Jahre aus allen Teilen Europas hierherkamen. Die barocke Ungarnkapelle am Münster erinnert noch an jene Pilgergruppe, die den weitesten Weg zurücklegte. Im 14. und 15. Jahrhundert gehörte Aachen sogar zu den meistbesuchten Pilgerorten der Christenheit neben Rom und Jerusalem!



Außenansicht der Ungarnkapelle zu Beginn des 20. Jahrhunderts - Fotograf: Erwin Quedenfeldt

 

Anziehungspunkt waren und sind bis heute vier einmalige Stoffreliquien, die im kostbaren Marienschrein aus dem zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts verwahrt werden. Der Legende nach war es der Bauherr des Aachener Münsters, Kaiser Karl der Große, der seine Palastkirche mit einem ganz besonderen immateriellen Schatz versehen wollte. Daher schickte er eine Gesandtschaft zum Patriarchen nach Jerusalem und erhielt tatsächlich das Gewünschte. Die vier Stoffe sind zwar von einfacher Beschaffenheit. Doch aus christlicher Sicht waren sie nicht mit Gold aufzuwiegen, bewahrten sie doch einen Abglanz jener heiligen Menschen, deren Körper sie berührt hatten. Und so werden den Pilgern bis heute das Kleid Mariens, das sie in der Geburtsnacht getragen hat, die Windeln Jesu und sein Lendentuch am Kreuz sowie das Enthauptungstuch Johannes des Täufers gezeigt.

Dem mittelalterlichen Glauben nach standen diese Stoffe immer noch in Kontakt mit Maria, Christus und Johannes dem Täufer, sodass die davor verrichteten Gebete schneller zu diesen gelangten und die jeweiligen Bitten umso eher erhört wurden. Zudem sollten, quasi als Gegenleistung, die Strapazen der Fußwallfahrt mit der Erfüllung der jeweiligen Pilgerwünsche vergolten werden. Wissenschaftliche Untersuchungen neuerer Zeit erbrachten leider die für Aachen unschöne Erkenntnis, dass diese Stoffe deutlich später als gedacht entstanden sind. Daher kommt ihnen heute eher symbolischer Charakter zu.



Der Marienschrein in der bunten Chorhalle des Aachener Doms - Fotograf: Florian Monheim

 

Die Präsentation dieser Reliquien veränderte sich im Mittelalter erheblich. War man anfangs noch damit zufrieden, nur den prachtvollen Marienschrein als Gehäuse der Stoffe zu verehren, so wollte man ab dem frühen 14. Jahrhundert die Reliquien mit eigenen Augen sehen. Dies geschah auch an anderen Pilgerorten, sodass sich Aachen diesem Anliegen nicht verschließen konnte. Um die empfindlichen Stoffe vor dem allzu begierigen Andrang der Pilger zu schützen, die sicherlich gerne ein kleines Fitzelchen davon erbeutet hätten, entschied man sich für eine öffentliche Präsentation, die sogenannte Heiligtumsweisung, von den eigens dafür errichteten Turmgalerien. So konnten Zehntausende Wallfahrer zugleich die Reliquien sehen und verehren, während sie sich auf den begrenzten Freiflächen rund um das Münster drängten.

Doch so wie heutiger Tourismus waren auch Wallfahrten immer zugleich ein großes Massengeschäft. Die Besitzer der umliegenden Häuser vermieteten nicht nur ihre Fensterplätze, sondern deckten ihre Dächer ab, um noch mehr Zahlungswillige unterzubringen. Verkauft wurden auch kleine Hörner aus Ton, mit denen die Pilger einen wenig sakralen Lärm erzeugten, sobald die Priester mit den heiligen Gewändern auf der Turmgalerie des Münsters erschienen. Damit wollte man wohl sicher gehen, dass der Himmel die versammelten Wallfahrer tatsächlich (er)hörte. Ebenfalls aus Ton waren die als Souvenir gern gekauften Pilgerflaschen mit Motiven der Heiligtümer, die ebenso wie die Hörner im nahen Langerwehe hergestellt wurden.

Sehr beliebt waren vor allem die kleinen Pilgerzeichen aus einer billigen Blei-Zinn-Legierung in Gitterguss, die stilisiert die Stoffe zeigten und einen kleinen Spiegel enthielten. Wie heutige Smartphones wurde dieser kleine Spiegel bei der Heiligtumsweisung emporgereckt, um das heilige Geschehen für die Ewigkeit einzufangen. Auch wenn danach das Bild nicht mehr im Spiegel sichtbar war, glaubte man dennoch, damit etwas von der einmaligen Aura der Aachener Heiligtümer mit nach Hause nehmen zu können.

Viele Wallfahrer ließen sich dieses Pilgerzeichen dann später mit ins Grab legen, um sich bei der Auferstehung der Toten beim Jüngsten Gericht bessere Chancen auf einen Platz im ersehnten Himmel zu sichern. Erhalten haben sich die Aachener Pilgerzeichen auch auf einigen Glocken in verschiedenen Regionen Europas. Denn um die Segenswirkung der Glocken zu verstärken, war es durchaus üblich, Pilgerzeichen verschiedener Wallfahrtsorte in den Tonmantel des Gussmodells zu drücken.



Reliqienbehälter aus Kornelimünster, ähnlich zu denen der Aachener Heiligtumsfahrt - Fotograf: Florian Monheim

 

Um die Exklusivität der Aachener Heiligtumsfahrt zu steigern, entschieden die Kanoniker des Marienstiftes, einen 7-Jahre-Turnus für die Reliquienzeigung einzuführen. Zudem garantierte die Verlegung auf die Woche rund um das Kirchweihfest des Münsters im Juni günstige Verkehrs- und Wetterverhältnisse für die Anreise. Viele Kirchen, Stifte und Klöster nicht nur im Rheinland erkannten ihre Chance, an den Aachener Pilgermassen und deren Ausgaben mitzuverdienen, und zeigten daher zu diesem Termin öffentlich ihre eigenen Kirchenschätze. Am schnellsten für die Pilger erreichbar war die Abtei Kornelimünster, ebenfalls mit kostbaren Stoffreliquien, aber auch Düren mit dem Haupt der heiligen Anna, der Mutter Mariens. Maastricht mit seiner Servatiusverehrung löste sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg von der nun nicht mehr opportunen Verbindung. Auch Köln mit seinem ganz speziellen Reliquienschatz (unter anderem Heilige Drei Könige, Elftausend Jungfrauen) profitierte sehr davon, konzentrierte sich doch ab hier der Pilgerstrom nach Aachen. Im nahen Kloster Königsdorf stellten beispielsweise die Benediktinerinnen ihre Reliquien nebst Spendenkasten kurzerhand vor der Klostermauer an der Aachener Straße auf, damit selbst eilige Pilger einen kurzen Gebets- und Gabenstopp einlegen konnten.

Das Aachener Münster selbst war nicht auf größere Menschenmengen ausgelegt, entstand es doch Ende des 8. Jahrhunderts als exklusive Palastkapelle Karls des Großen. 1355 entschloss sich daher das Stiftskapitel, unterstützt von Kaiser Karl IV, mit dem Anbau des Hallenchores die Grundfläche des Münsters zu verdoppeln. Damit entstand eines der kühnsten Bauwerke der Gotik mit 26 Meter hohen Fenstern, das nur dank der Verwendung zahlreicher Eisenringanker stabil war. Mit diesem spektakulären neuen Chorbau, der erst 1414 eingeweiht werden konnte, war man aber auch für das zweite wichtige Ereignis des Münsters gewappnet: für die nunmehr an diesem Ort stattfindenden Krönungen der deutschen Könige.

Die jeweiligen Herrscher, die hier den Thron Karls des Großen als sichtbares Zeichen ihrer legitimen Nachfolge bestiegen, spendeten reichlich für das Münster. So entstanden einzigartige und sehr kostbare Ausstattungsstücke, die sich teilweise bis heute erhalten haben. Kaiser Heinrich II. stiftete zu Beginn des 11. Jahrhunderts die goldene Altartafel sowie die Verkleidung des Ambos (heute an der Münsterkanzel). Kaiser Friedrich I. Barbarossa instrumentalisierte das Münster und den Karlsmythos gar zu politischen Zwecken in seinem Kampf gegen den Papst. Mit der Heiligsprechung Karls des Großen 1165 durch den von ihm eingesetzten Gegenpapst Paschalis III. ließ er die Amtsheiligkeit des deutschen Herrschers besiegeln, der keine Bestätigung oder Oberherrschaft durch den Papst mehr benötigte. Diesen Gedanken drückt auch der Reliquienschrein Karls des Großen aus, an dessen Seiten die kaiserlichen Nachfolger wie Heilige präsentiert werden. Den Schrein ließ Barbarossa in der Mitte des karolingischen Zentralbaues aufstellen. Darüber hing der ebenfalls von ihm in Auftrag gegebene und – mit Ausnahme der Figuren aus Silberblech – bis heute erhaltene große Radleuchter als symbolisches Abbild der Himmelsstadt.



Karlsthron im Karolingischen Oktogon - Fotograf: Florian Monheim

 

Die Schatzkammer des Münsters, die zu den reichhaltigsten Europas zählt, birgt weitere Meisterwerke sakraler Goldschmiedekunst, die den hohen Rang ihrer Stifter erkennen lassen. Goldene, mit Edelsteinen und Perlen verzierte Kreuze und Evangelieneinbände sowie turmartige gotische Reliquiare versetzen Besucherinnen und Besucher ins Staunen. An der Spitze der Schatzstücke steht das von Kaiser Karl IV. in Auftrag gegebene Büstenreliquiar seines heiligen Amtsvorgängers, das ein Stück des Schädels Karls des Großen birgt. Karl IV. stiftete sogar seine eigene Krone, die er der Büste aufsetzen ließ. Dieses idealisierte Abbild Karls des Großen, das durch die eingefügte Reliquie gleichsam verlebendigt wurde, trugen die Stiftsherren dem neugewählten König vor den Toren der Stadt bei dessen Einzug entgegen.

Weltlicher Frauenschmuck des Mittelalters, wie etwa die Krone der Margarethe von York, Gemahlin Karls des Kühnen, hat sich hier auch erhalten. Denn diese Stücke wurden dem Gnadenbild Mariens, der Patronin des Münsters, gestiftet. Ungarische Könige sorgten für die prächtige Ausstattung der Ungarnkapelle, wovon sich – neben zahlreichen kostbaren liturgischen Gewändern – auch einige Stücke in der Schatzkammer erhalten haben.
Die Aachener Heiligtumsfahrt entstand zwar aus einem frommen Grundgedanken, besaß aber auch durchaus weltlichen Erlebnischarakter. Schließlich war eine Fernwallfahrt für die damaligen Menschen in der Regel die einzige Möglichkeit, ihr lokales Umfeld kurzzeitig zu verlassen und in die Ferne zu ziehen. Und so ging es in den Pilgerherbergen und unterwegs durchaus lustig zu, Musikanten spielten und Kontakte jeder Art wurden geknüpft (auch erotische, wie die aufschlussreichen Canterbury Tales Geoffrey Chaucers belegen). Der Amtskirche war dieses Treiben spätestens in der Zeit der Aufklärung dann auch ein Dorn im Auge. Und die weltlichen Herren monierten, dass ihre Untertanen ihr Geld im „Ausland“ ausgaben und ihre Arbeit allzu lange ruhen ließen, womit sich ihre eigenen Einnahmen minderten. So wurden Fernwallfahrten, auch die nach Aachen, im späten 18. Jahrhundert gar verboten. Erst im Zuge des Wiedererstarkens des Katholizismus im Zeitalter der Romantik wurden Fernwallfahrten als Manifestation des Glaubens wieder positiv gesehen.

1978 entschied die UNESCO, das Aachener Münster zum ersten deutschen Weltkulturerbe zu erheben. Die überragende historische wie kunsthistorische Bedeutung als besterhaltener Kirchenbau der Karolingerzeit, Palast- und Grabkapelle Karls des Großen sowie Krönungsstätte gaben hier zum einen den Ausschlag, andererseits aber auch der Rang als eines der wichtigsten europäischen Pilgerziele des Mittelalters.



Blick von Süden auf Dom und St. Foillan - Fotograf: Florian Monheim

 

Wer heute das Münster besucht, wird zunächst fast geblendet von der üppigen Marmorverkleidung der Wände und den goldglänzenden Mosaiken. Doch entstammt diese Neuausstattung erst dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert; initiiert wurde sie von der Mittelalterbegeisterung Kaiser Wilhelms II., der sich damit in die Tradition Karls des Großen stellen wollte, auch wenn er damals nicht ahnen konnte, dass er, recht unrühmlich, 1918 abdanken und die Monarchie der Republik weichen musste.

Das Aachener Münster, das heute Sitz eines Bistums ist, kam einigermaßen glimpflich durch die schweren Zerstörungen der Stadt im Zweiten Weltkrieg. Erhalten blieb nicht nur die hochsymbolische Architektur, die Karl damals dem Felsendom in Jerusalem nachbilden ließ, den man im Mittelalter für den Tempel Salomons hielt. Zu sehen sind immer noch die Werke byzantinischer Bronzegießer wie die Emporengitter und die Portale. Da Karl der Große sich als Erneuerer des weströmischen Reiches fühlte, ließ er auch einige antike Stücke im Münster aufstellen wie etwa die Bronzeplastik einer Wölfin (wohl eher eine Bärin) und eines Pinienzapfens, die beide ursprünglich römische Brunnen schmückten. Antiken Ursprungs waren auch die Marmorsäulen der Emporen, die aber größtenteils erneuert wurden. Unbeschädigt überdauerte auch der Thron Karls des Großen, der aus Fußbodenplatten der Jerusalemer Grabeskirche zusammengefügt wurde, die Reliquiencharakter besaßen. Eine Öffnung unterhalb des Thronsitzes ermöglichte später Pilgern, ehrfurchtsvoll darunter durchzukriechen.

Ursprünglich war das Münster Teil der großzügigen Palastanlage Karls des Großen, die antiken Vorbildern folgte. Nur noch einige Bauteile davon haben im heutigen Rathaus die Zeiten überstanden. Es diente damals als Empfangshalle nach dem Vorbild römischer Thronsäle. In gotischer Zeit umfassend umgebaut, fand dort dann im Anschluss an die Krönung im Münster das Krönungsmahl statt. Dass alljährlich in diesem Raum der Karlspreis für Verdienste um Europa verliehen wird, bringt die Stadt zwar in die Medien. Doch ist die zugrunde liegende Interpretation Karls des Großen als Urvater Europas wohl zu modern gedacht.

Auch wenn die Aachener Heiligtumsfahrt bis heute besteht, so ist sie nur noch von regionaler Bedeutung. Massenbetrieb herrscht in den Sommermonaten eher aufgrund des regen Tourismus, der die stimmungsvoll wiederaufgebaute Altstadt mit dem Münster im Zentrum besucht. Und immer noch existent ist der seit den Römern gepflegte Badebetrieb in den heißen Thermalquellen. Der Überlieferung nach waren es wohl diese, die den gichtkranken Herrscher motivierten, sich hier einen Palast zu errichten. Ohne Thermalquellen also kein Palast Karls, ohne Palast kein Münster und ohne Münster keine Krönungen und keine Heiligtumsfahrt, so die etwas verkürzte Ableitung der Aachener Geschichte. Es gibt also vielerlei Gründe, in diese Stadt zu „pilgern“.



Die Aachener Altstadt mit Elisenbrunnen - Fotograf: Florian Monheim

 

Alle Bilder vom Aachener Dom finden Sie hier.

Dr. Jürgen Kaiser (geb. 1967) studierte in Marburg und Köln Kunstgeschichte, Mittelalterliche Geschichte und Provinzialrömische Archäologie. Er lebt in Köln als Sachbuchautor und Kulturreiseleiter. Gemeinsam mit dem Fotografen Florian Monheim veröffentlichte er im Greven Verlag Köln zahlreiche Bücher, zuletzt 2019 Macht und Herrlichkeit – die großen Kathedralen am Rhein von Konstanz bis Köln.