Themenwelt
Grenzen im Rheinland
Limes, Westwall, Schengen
von Dr. Jürgen Kaiser
Gerade eine zentral gelegene Region wie das Rheinland profitiert sehr von einem grenzenlosen Europa. Denn hier verzahnen sich mit den Niederlanden, Belgien und Luxemburg gleich mehrere Länder auf das Engste mit dem Rheinland. Wie selbstverständlich das grenzenlose Reisen mittlerweile für alle geworden war machten die hektischen Schließungen der Übergänge in der Hochphase der Corona-Gegenmaßnahmen und die daraus resultierenden Probleme schmerzhaft klar.
Wie in so vielen Bereichen unseres Lebens so waren es auch im Rheinland die Römer, die hier Pionierarbeit leisteten. Erstmals legten sie eine feste Grenze gegen die feindlichen Germanen fest – den Limes. Dieser, mittlerweile zum UNESCO-Weltkulturerbe geadelt, unterteilt sich in zwei Bereiche: Den niedergermanischen Limes am Rhein entlang von der Nordsee bis nach Bad Breisig an den Vinxtbach, dessen Name sich von lat. fines für Grenze ableitet. Auf der gegenüberliegenden Rheinseite bei Bad Hönningen verließ der obergermanische Limes nun den Rhein. Auf den Höhen des Westerwaldes verlaufend umfasste er zunächst das Neuwieder Becken und dann die gesamte Wetterau, bevor er dann quer durchs Land führte, um bei Regensburg die Donau zu erreichen.
Diese Grenzziehung war das Ergebnis der verheerenden Niederlage der Römer in der Varusschlacht gegen die Germanen 9 n. Chr. Danach gab man das ehrgeizige Ziel einer Eroberung Germaniens bis zur Elbe auf und begnügte sich mit dem Rhein. Und so ist der niedergermanische Limes tatsächlich auch eine „nasse“ Grenze ohne Palisadenwall mit Toren und Türmen wie am obergermanischen Abschnitt. Um den Rhein zu sichern verlegte Rom mehrere Legionen dauerhaft hierher, die sich in Xanten, Ness und Bonn große Lager bauten, aus denen diese heutigen Städte entstanden. Dazwischen gab es eine Vielzahl kleinerer Kastelle für kleinere Truppenteile. Die großen Legionslager lagen gegenüber von Flussmündungen, über die oftmals Germanen versuchten, das römische Gebiet zu plündern. Im südlichen Vorfeld des antiken Köln entstand ein Flottenkastell, damit der niedergermanische Rheinlauf mit wendigen Militärbooten gesichert werden konnte.

Volker Döhne: Colonia Ulpia Traiana, Archäologischer Park

Volker Döhne: Xanten-Birten, Fürstenberg
Im 3. Viertel des 3. Jhs. mussten die Römer einen großen Teil ihrer Truppen abziehen, um die Ostgrenze des römischen Reiches zu sichern. Dies führte zu einem derart massiven Überfall germanischer Völker der Franken und Alamannen, das schließlich der obergermanische Limes ebenfalls komplett an den Rhein zurückverlegt werden musste. Doch solange das römische Reich bestand galt es ständig, diese Grenze neu mit Kastellen und schnellen Eingreiftruppen zu sichern.
Doch der Limes war kein „eiserner Vorhang“ wie etwa die spätere Grenze BRD-DDR. Vielmehr diente sie in Friedenszeiten schlicht der Kontrolle des durchziehenden Warenverkehrs zwischen Römern und Germanen. Um diesen Handelsverkehr zu erleichtern ließ Kaiser Konstantin der Große 310 n.Chr. in Köln die erste feste Rheinbrücke errichten. Allerdings sicherte auf der Deutzer Seite ein massives Brückenkastell im Angriffsfall das imponierende Bauwerk ab.

Brigitte Stachowski: Köln-Deutz: Archäologische Ausgrabungen

Brigitte Stachowski: Köln-Deutz: Archäologische Ausgrabungen
Nach dem Ende der Römerherrschaft am Rhein im 5. Jh. gab es im Rheinland keine derart festen Grenzen mehr. Denn seit der Merowingerherrschaft im Frühmittelalter änderte sich ständig die Zugehörigkeit des Rheinlandes zu den unterschiedlichen Teilen dieser Dynastie. Erst unter Karl dem Großen entstand ein Staatsgebilde, das sich am großen Vorbild der Römer zumindest orientierte. Unter den Ottonen im 10. Jh. stiegen dann die Erzbischöfe in Stellvertretung des abwesenden Königs zu den eigentlichen Herrschern großer Teile des Rheinlandes auf. Doch das ganze Mittelalter hindurch entwickelten sich wichtige Adelssippen wie etwa die Grafen von Berg zu mächtigen Konkurrenten der Kirchenfürsten, die eigene Territorien für sich beanspruchten. Durch Erbteilungen oder Heiraten veränderte sich permanent die politische Landkarte. Selbst Burgen, die jene manchmal recht kurzlebigen Zugehörigkeiten sichern sollten, wechselten gleich mehrfach den Besitzer. Auch Städte versuchten mit ihren Mauern ihre Eigenständigkeit zu verteidigen. Doch konnten sich die meisten nicht aus dem Griff des Landesherrn befreien. Einzig Köln gelang der allmähliche Aufstieg zur weitgehend autonomen Reichsstadt, die nur dem König und Kaiser unterstand. Dementsprechend monumental-repräsentativ fiel auch ihre Ummauerung im späten 12. und frühen 13. Jh. aus, die nach außen hin selbstbewusst die neu gewonnene Unabhängigkeit zum Ausdruck brachte.

Köln: Stadtmauer am Sachsenring
Nach der Niederlage Napoleons und der Neuordnung Europas im Wiener Kongress fiel das Rheinland 1815 an Preußen. Sogleich begannen die preußischen Könige ein umfassendes und sehr teures Festungsbauprogramm, um nie wieder das Rheinland an Frankreich zu verlieren. Mit der Festung Ehrenbreitstein in Koblenz und dessen Außenforts hat sich eine der größten Befestigungsanlagen Europas bis heute erhalten.

Florian Monheim: Festung Ehrenbreitstein
Auch Köln erhielt in preußischer Zeit gleich zweifach einen imposanten militärischen Schutzgürtel, den Konrad Adenauer als Kölner Bürgermeister in den heutigen inneren und äußeren Grüngürtel verwandeln ließ. Darin eingebettet finden sich einige preußische Forts, von denen eines in den heutigen Rosengarten umgewandelt wurde – also hier mal nicht „Schwerter zu Pflugscharen“, sondern „Festungswälle zu Parkanlagen“.

Brigitte Stachowski: Köln - Grüngürtel

Hansherbert Wirtz: Köln - Grüngürtel
Die unrühmlichste Grenze gab Adolf Hitler in Auftrag, nachdem er 1936 entgegen den Bestimmungen des Versailler Vertrages das Rheinland besetzen und remilitarisieren ließ. Mit großem propagandistischem Aufwand gab er den Bau des sogenannten Westwalls oder Limes-Programmes in Auftrag, da angeblich eine unmittelbare Bedrohung durch Frankreich bestände. Tatsächlich plante Hitler bereits seine Eroberungen im Osten und wollte so die Westgrenze sichern. Und so begann in großer Eile und mit ungeheurem Aufwand ein umfangreiches Bunkerbauprogramm vom Niederrhein bis zur Schweizer Grenze. Die gigantische Menge von über 17 Millionen Tonnen Beton und über eine Million Tonnen Stahl ließ Hitler hier verbauen und brachte damit die private Bauwirtschaft im Reich fast zum Erliegen. Die immensen Kosten führten fast zum Staatsbankrott.
Doch nach dem erfolgreichen sogenannten „Blitzkrieg“ gegen Frankreich war der Westwall nutzlos. Erst im Sommer 1944 wurde er hektisch reaktiviert, da nun die Alliierten von Westen her unaufhaltsam gegen Deutschland vorrückten. In der Schlacht im Hürtgenwald im letzten Kriegswinter 1944/45 wurden die Alliierten durch die dortigen Westwallbunker in einen auf beiden Seiten extrem verlustreichen Stellungskrieg gezwungen.
Heute sind neben teils gesprengten Bunkerresten vor allem die Panzersperren aus Betonhöckern, auch „Drachenzähne“ genannt, noch im Gelände sichtbar. 2010 entstand durch den BUND das Projekt „Grüner Wall im Westen“. Damit sollen die Überreste des Westwalls als verbundener Lebensraum für seltene Pflanzen und Tiere, aber auch als erlebbares Zeugnis der jüngsten, wenn auch unrühmlichen Vergangenheit dauerhaft gesichert werden.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und einer allmählichen Annäherung zwischen den westlichen Nachbarstaaten und der Bundesrepublik entstand der fortschrittliche Gedanken einer grenznahen, länderübergreifenden Kooperation, der Euregio. 1958 gegründet institutionalisierte sich das Ganze 1978 im Euregio-Rat. Und so organisierten die Kommunen in den östlichen Teilen der Niederlande und Belgiens sowie des Rheinlandes und des Münsterlandes ein Europa im Kleinen. Damit sollten gerade die Grenzgebiete in ihrer wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklung gestärkt und entsprechende Hindernisse gemeinsam aus dem Weg geräumt werden. Parallel dazu entwickelte sich aus der Montanunion 1951 über die EWG 1957 schließlich 1992 die EU mit dem Schengen-Abkommen 1985, wodurch die Grenzen im Rheinland schließlich seit 1995 Geschichte geworden sind.
Dr. Jürgen Kaiser (geb. 1967) studierte in Marburg und Köln Kunstgeschichte, Mittelalterliche Geschichte und Provinzialrömische Archäologie. Er lebt in Köln als Sachbuchautor und Kulturreiseleiter. Gemeinsam mit dem Fotografen Florian Monheim veröffentlichte er im Greven Verlag Köln zahlreiche Bücher, zuletzt 2019 Macht und Herrlichkeit – die großen Kathedralen am Rhein von Konstanz bis Köln.







