Themenwelt

75 Jahre des 1. FC Köln

3 Meisterschaften, 6 Abstiege und 9 Geissböcke später

von Felix Stricker

 

Die Entstehung

Domstadt, Rheinmetropole und Fußballstützpunkt: Die Stadt Köln hat zwar noch einiges mehr zu bieten, doch diese drei Bereiche stellen wohl die geläufigsten Assoziationen dar. Das jüngste Phänomen in diesem Dreiergespann ist der Fußball. Doch auch er kann mittlerweile auf eine bewegte Geschichte zurückblicken, nicht zuletzt, da der 1. FC Köln als erfolgsreichste Mannschaft der Stadt 2023 seinen 75. Geburtstag feiert. Daher scheint ein Blick auf die Vereinsgeschichte geradezu unumgehbar.
Dem Fußball schreibt man in Köln seit jeher eine wichtige Rolle zu. So bildeten sich bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mehrere städtische Vereine, die gegeneinander und gegen die Mannschaften umliegender Orte antraten. Zu ihnen gehörten auch der Kölner Ballspiel-Club 1901 und die Spielvereinigung Sülz 07. Mit nur sechs Jahren Unterschied im Hinblick auf das Gründungsjahr verliefen die ersten Jahre beider Vereine recht linear. Der größte Erfolg war auf beiden Seiten jeweils ein Gewinn der westdeutschen Meisterschaft. Für einen gesamtdeutschen Titel sollte es vorerst nicht reichen. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts sah man sich zudem noch mit einem stetigen Wandel der Ligastrukturen konfrontiert, der in einem gänzlichen Zusammenbruch gegen Ende des Zweiten Weltkriegs kulminierte. Fußball-Deutschland musste sich neu orientieren und in Köln hatte ein gewisser Franz Kremer große Pläne.

Als Vorsitzender des Kölner Ballspiel-Clubs 1901 war Franz Kremer das Geschäft Fußball keinesfalls fremd. Ihm zufolge fehlte der westdeutschen Metropole Köln ein Verein, der die Stadt standesgemäß vertreten konnte. Als 1947 der Ligabetrieb in Westdeutschland wieder aufgenommen wurde, zögerte er deshalb nicht lange, seine Pläne in die Tat umzusetzen, und knüpfte Verbindungen mit der der Spielvereinigung Sülz 07. Am 13. Februar 1948 kam es dann zur Fusion der beiden Mannschaften, die selbstbewusst den Namen Erster Fußballclub Köln für den neu entstandenen Verein wählten. Ein Seitenhieb gegen städtische Kontrahenten war klar zu erkennen, denn gerade einmal sieben Tage später schlossen sich drei andere Kölner Mannschaften zum SC Fortuna Köln zusammen. Auch dort verfolgte man den Plan, einen repräsentativen Großverein für die Domstadt am Rhein aufzubauen, doch damit musste man sich hinter dem Ersten Fußballclub Köln einreihen.



Domfest 1948: Festveranstaltung im Sportpark Müngersdorf - Von einem unbekannten Fotografen aus dem Kölner Fotoarchiv



Die Erfolge

Als Franz Kremer dem Kölner BC 01 und der Spvgg. Sülz 07 eine Fusion unterbreitete, musste er einiges an Überzeugungsarbeit leisten. Zuvor befand man sich schließlich in Konkurrenz, was plötzlich keine Rolle mehr spielen sollte. Kremer als findiger Fußballgeschäftsmann wusste aber, welche Töne er anschlagen musste, um sein Vorhaben zukunftsträchtig darzustellen. So stellte er beiden Vereinen charmant und eloquent zugleich die Frage: „Wollen Sie mit mir Deutscher Meister werden?“
Die Verantwortlichen beider Mannschaften waren überzeugt und glaubten an Kremer. Wie sich später herausstellen sollte: Zurecht! Der neu gegründete Erste Fußballclub Köln brauchte naheliegenderweise eine gewisse Zeit, um Strukturen aufzubauen und seine Linie zu finden. Erfolge wurden jedoch alsbald gefeiert und spätestens ab den 1960er-Jahren war der Verein Deutschlands dominanteste Mannschaft. Zweimal deutscher Meister, dreimal Vizemeister und einmal deutscher Pokalsieger in der Spanne von 1960 bis 1968 – bis auf letzteren Triumph alles unter der Führung von Franz Kremer, der bis zu seinem Tod 1967 als Präsident des Vereins fungierte. Es traten außerdem Vereinslegenden wie Hans Schäfer, Toni Schumacher, Wolfgang Weber und Wolfgang Overath auf den Plan, denen in Köln bis heute für ihre Leistungen Ruhm und Ehre zuteilwerden. Nicht zuletzt auch, weil sie den Verein im europäischen Diskurs zum Gesprächsgegenstand machten. So erreichte der Erste Fußballclub Köln in der Saison 1964/65 beispielsweise das Viertelfinale im Europapokal der Landesmeister und traf dabei auf sein britisches Pendant, den FC Liverpool. In Hin- und Rückspiel schenkten sich beide Vereine nichts, sodass ein drittes Entscheidungsspiel auf neutralem Boden im Rotterdamer “Stadion De Kuip”" ausgetragen werden musste. Man sollte meinen, dass Wolfgang Webers Wadenbeinbruch, den er schlichtweg ignorierte und mit dem er weiterspielte, das denkwürdigste Ereignis dieses Spiels war. Zum Ende der Partie sollte es aber zu einer für alle Beteiligten und Fußballinteressierten geschichtsträchtigen Begebenheit kommen: dem Münzwurf von Rotterdam. Als selbst nach der Verlängerung kein Sieger feststand, war es per UEFA-Regularien vorgesehen, dass ein Münzwurf das Weiterkommen entscheiden sollte. Wie nachhaltig diese Lösung war, zeigte sich nach dem ersten Wurf, denn die Münze, beziehungsweise Holzscheibe blieb aufrecht im Rasen stecken. Der zweite Wurf verlief zugunsten des FC-Liverpool und für Köln endete der europäische Exkurs. Eines war aber zu diesem Zeitpunkt bereits längst klar: Es war gelungen, Köln als Rheinmetropole eine standesgemäße Fußballmannschaft zu stellen, und das Echo dieser Erfolgsjahre sollte in der Domstadt noch lange nachhallen.



Köln-Altstadt-Nord: Der 1. FC Köln feiert das 'Double' 1978 - Von einem unbekannten Fotografen aus dem Archiv der Kölnischen Rundschau



Ein Auf und Ab 

Das Ende der 1960er-Jahre markiert keineswegs den sportlichen Niedergang des Ersten Fußballclubs Köln. Auch in den folgenden Jahrzehnten feierte der Verein noch viele Erfolge, wie beispielsweise 1978 den „Double“-Gewinn unter Trainer Hennes Weisweiler. In der Liga schwand die Dominanz zwar zunehmend, da Mannschaften wie der FC Bayern München oder die Rivalen von Borussia Mönchengladbach immer stärker wurden, doch im Pokal und auf europäischer Ebene blieb der 1. FC Köln noch über Jahre ein ernstzunehmender Gegner. So stand man 1986 zum Beispiel im Endspiel des UEFA-Pokals gegen Real Madrid. Nach der 5:1-Niederlage im Hinspiel reichte der 2:0-Erfolg der Kölner im Rückspiel zwar nicht für den Titelgewinn, doch in der Vereinschronik gilt dieses Finale trotzdem als einer der größten sportlichen Erfolge. Auch in dieser Epoche manifestierten einige heutige Vereinslegenden ihren Status. Zu nennen wären unter anderem Uwe Bein, Thomas „Icke“ Häßler, Klaus Allofs und Pierre Littbarski. An diese glorreichen Tage erinnerte man sich besonders in den 1990er-Jahren gerne, denn in jener Zeit geriet der 1. FC Köln sportlich und finanziell in schwierige Fahrwasser.
Eines der wohl tragischsten Ereignisse der Vereinsgeschichte spielte sich bereits zu Beginn des Jahrzehnts ab. Zu Beginn der Saison 1991/92 starb der gerade einmal 24 Jahre alte Maurice Banach, der als Stürmer des 1. FC Kölns in ganz Deutschland als außergewöhnliches Nachwuchstalent gehandelt wurde, bei einem Verkehrsunfall. Noch heute wird im Dunstkreis des Vereins regelmäßig an ihn erinnert. Köln rutschte in diesen Jahren in die untere Tabellenhälfte und konnte sich nicht freispielen. Die Abwärtsspirale, in der sich der Verein befand, mündete in der schlechtesten Saison der Vereinsgeschichte 1997/98. Der 1. FC Köln fiel auf den 17. Tabellenplatz und musste sich mit der Perspektive Abstieg vertraut machen. Außerdem war es für genau zwanzig Jahre das letzte Mal, dass man auf europäischer Ebene mitspielen durfte. Im UEFA Intertoto Cup erreichte man immerhin das Halbfinale, aber tröstend war dies wohl für die wenigsten.
Zwei Spielzeiten verbrachte die Mannschaft in der 2. Bundesliga, ehe sie sich nach einer guten Saison 1999/2000 wieder für die Erste Liga qualifizieren konnte. Die Freude sollte aber nur von kurzer Dauer sein, denn 2001/02 stieg der Klub schon wieder ab. Die folgenden Jahre waren von diesem Auf und Ab geprägt und der 1. FC Köln wurde als Fahrstuhlmannschaft abgetan. Den ein oder anderen Lichtblick gab es aber trotzdem. So verzeichnete der Verein trotz mangelhafter Leistungen einen immensen Fanzulauf, konnte das Müngersdorfer Stadion zum modernen Rheinenergiestadion ausbauen und etablierte herausragende Jungspieler wie Lukas Podolski und Patrick Helmes. An eine positivere Zukunft durfte man in Köln also glauben.


 

DFB-Pokalendspiel 1983 - 1. FC Köln vs Fortuna Köln 1:0 - Von Brigitte Stachowski aus dem Archiv der Kölnischen Rundschau



Mit Rückenwind in die Jetztzeit

Trainer gab es beim 1. FC Köln so viele, dass es wohl auch den eingefleischtesten Fans schwerfallen dürfte, sie alle zu benennen. Einer, der aber sicherlich im Gedächtnis der meisten geblieben sein dürfte, ist Christoph Daum. Er bekleidete das Amt gleich zweimal und lernte den Verein in guten wie in schlechten Zeiten kennen. Während er zum Ende der 1980er-Jahre mit dem 1. FC Köln noch oben mitspielte, war seine Aufgabe Mitte der 2000er-Jahre eine gänzlich andere. Er sollte den Verein aus der 2. Liga führen. In der Spielzeit 2007/08 gelang ihm dies auch – nach einem Fehlversuch im Jahr davor – und es brachen bessere Zeiten für die Kölner an. Man stieg nicht unmittelbar wieder ab und konnte sich im Tabellenmittelfeld festsetzen. Dort machte es sich die Mannschaft gemütlicher denn je und bis auf zwei weitere Abstiege, die man aber schnellstens wieder umkehren konnte, ist dies bis heute so geblieben. Trotzdem hatte der Abstieg in der Saison 2017/18 einen besonders faden Beigeschmack, da man sich im vorhergehenden Jahr nach zwanzig Jahren erneut für den Europapokal qualifizieren konnte. Über die Gruppenphase ging dieses Abenteuer zwar nicht hinaus, doch für den gesamten Verein war es nichtsdestoweniger ein bahnbrechendes Ereignis. Jüngst gelang dem 1. FC Köln beinah eine Wiederholung, als man sich 2021/22 für die European Conference League qualifizierte. Auch hier schied die Mannschaft in der Gruppenphase aus, doch unter Trainer Steffen Baumgart wirkt der Verein gefestigter denn je. Selten hat ein Coach mit seiner Art so gut zur Domstadt und dem 1. FC Köln gepasst, wie es bei Baumgart der Fall ist, und dementsprechend zuversichtlich darf man in die Zukunft blicken. Vorerst ist es aber angebracht, kurz innezuhalten und dem Verein zu 75 Jahren bewegter Geschichte, Tradition und Engagement zu gratulieren!



Trainerbank des 1. FC Köln im Müngersdorfer Stadion 1994 - Von Randolf Pfeil aus dem Archiv der Kölnischen Rundschau

 

Alle Bilder vom 1. FC Köln finden Sie hier.

Felix Stricker M.A. (geb. 1997) ist freiberuflicher Historiker & Journalist. Zu seinen Spezialgebieten zählt die Kulinarikgeschichte der Stadt Köln, der 1. FC Köln und verschiedene musikalische Schwerpunkte.